
Speaker / Referent
Wolf Lotter
KI ist keine Bedrohung für menschliche Intelligenz – sie zwingt uns, sie endlich ernsthaft zu nutzen.
Wolf Lotter – Journalist, Buchautor («Zusammenhänge») und langjähriger Computerjournalist mit 40 Jahren Erfahrung in Technologie-Hypes – hält einen gesellschaftsphilosophischen Vortrag. Er beginnt mit einem echten Einstein-Zitat von 1930: Die Gesellschaft sollte sich schämen, die Wunder der Wissenschaft zu nutzen, ohne sie geistig zu erfassen – und behauptet: 2026 gilt dasselbe. Wir leben und arbeiten immer noch wie in einer Fabrikgesellschaft, obwohl die Transformation zur Wissensgesellschaft längst begonnen hat. KI ist kein Technologieproblem, sondern ein Erkenntnisproblem. Sie zwingt uns, endlich «digital erwachsen» zu werden – in Zusammenhängen zu denken, Kontext zu verstehen und echte Wissensarbeit zu leisten statt automatisierter Dummheit zu produzieren.
Ein echtes Einstein-Zitat von 1930 (Eröffnung des Berliner Rundfunks) gilt 2026 unverändert: «Die Gesellschaft sollte sich schämen, die Wunder der Wissenschaft zu nutzen und nicht mehr davon geistig erfasst zu haben als eine Kuh, die mit Wohlbehagen Gras frisst.» Die meisten LinkedIn-Einstein-Zitate sind fake – dieses ist echt.
Wir sind eine Fabrikgesellschaft, die vorgibt, eine Wissensgesellschaft zu sein: Morgens um neun ins Büro, um fünf zurück – das ist Schichtbetrieb aus der Fabrik. Die Arbeitsorganisation folgt immer noch den Regeln der industriellen Revolution. Die Transformation zur Wissensgesellschaft hat längst begonnen, aber Social- und Arbeitsordnung haben nicht mitgemacht.
KI zwingt uns zu denken – und schärft damit die natürliche Intelligenz: KI ist Teil der Automatisierung, wie die Waschmaschine. Sie emanzipiert uns von stupider Arbeit und Informationsflut. Die Trennung von Mensch und Maschine ist künstlich – unser Werkzeug ist Teil von uns. Die Technologie ist nur der Handlanger. Die Sinnstifte sind wir.
Automatisierte Dummheit ist die grösste Gefahr der KI-Ära: Wissen bleibt die wichtigste Ressource. «Automatisierte Dummheit» – Bürokratie, Überregulierung, das Verbieten von Dingen, die man nicht versteht – ist das eigentliche Risiko. Die EU reguliert KI, bevor sie versteht, was sie reguliert. Das ist die Bürokratie als Automatismus.
Effizienz vs. Effektivität ist die entscheidende Unterscheidung: Manager tun die Dinge richtig (Effizienz). Führungskräfte tun die richtigen Dinge (Effektivität) – Peter Drucker. Wer in der Wissensgesellschaft nur optimiert, was schon immer getan wurde, sitzt im Hamsterrad: etwas besser bezahlt, etwas attraktiver – aber immer noch ein Hamsterrad.
Das Gehirn braucht Ruhe – besonders Hochbegabte: Harvard-Experiment: Hochbegabte Studierende, die während einer Prüfung durch Geräusche (Gläser, Trompeten, Klatschen) gestört wurden, schnitten unglaublich schlecht ab. Durchschnittliche Studierende kaum schlechter als sonst. Aktionismus, Meeting-Tsunamis und ständige Unterbrechung sind strukturelle Feinde von Wissensarbeit.
Kontext ist das, was Wissen produktiv macht: Der Begriff «Zusammenhang» (Titel seines Buchs) ist das Kernprinzip. Spezialisierung ohne Querverbindungen ist maschinell ersetzbar. Die wertvollsten Menschen im KI-Zeitalter sind jene, die kritisch zweifeln, hinterfragen und die richtigen Fragen stellen – die «nervigen» Leute, die alles in Frage stellen. Wir brauchen mehr davon, nicht weniger.
“Die KI zwingt uns dazu, dass wir denken. Sie zwingt uns geradezu dazu, dass die natürliche Intelligenz wieder schärfer wird.”
“Automatisierte Dummheit muss vermieden werden. Das grösste Problem in der EU-Diskussion: Man reguliert, bevor man das Ding hat. Die automatisierte Dummheit ist die Bürokratie.”
“Die Trennung von Mensch und Maschine ist völlig ratifiziert. Unser Werkzeug ist Teil von uns. Die Technologie ist nur der Handlanger. Die Sinnstifte sind wir.”
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